Haarscharf vorbei am ersten Profisieg

18.08.2007
Von: Tour de l'Ain - 4. Etappe

Auf der letzten Etappe wollte ich es, wie angekündigt, wissen.

Gleich am ersten 12km langen Berg fuhr ich zunächst alleine weg und wartete oben auf eine Verfolgergruppe. Nach der Abfahrt waren wir vorne neun Fahrer. Irgendwie harmonierten wir nicht. Obwohl Quick-Step gleich zwei Fahrer dabei hatte, störten diese den Rhythmus der Gruppe. In dem schwierigen Gelände der Etappe hatten wir nie einen besonders großen Vorsprung. 30 Kilometer vor dem Ziel kam wieder ein längerer Berg. Nur noch gute 2 Minuten betrug unser Vorsprung. Also gings jetzt voll los. Wir attackierten uns gegenseitig und oben waren wir noch zu dritt. Nach der Abfahrt ging es zehn Kilometer lang ein Tal hoch zum Ziel. Wir drei waren alle müde, schauten uns an. Ich attackierte einmal, zweimal, probierte es ein drittes Mal und dann war ich weg. Die zwei sollten nicht mehr wieder kommen, aber ich wusste nicht, wie das Rennen im Hauptfeld lief. Plötzlich kommt über Funk: Patrice Halgand schließt gleich zu dir auf. Er attackierte gleich an mir vorbei, aber ich passte auf und kam an sein Hinterrad. Fünf Kilometer fuhren wir dann zusammen. Letzter Kilometer. Vorsprung auf den nächsten Fahrer: 30 Sekunden. Ok. Also übernehm ich nicht mehr die Führung. Warte ab. Ich bin nicht der beste Sprinter, aber Halgand ist bekannterweise auch nicht der schnellste. Er macht allerdings einen frischeren Eindruck. Ich nahm mir deshalb vor, keinen langen Sprint zu fahren. 500 Meter. Halgand verschleppt das Tempo. Ich warte. 300 Meter. Halgand wird schneller. Ich warte. 200 Meter. Halgand tritt an. Nicht besonders explosiv. Ich bleib noch einen Moment am Rad, im Windschatten. 150 Meter. Ich geh raus. Geb alles, will die Etappe gewinnen. Schnell bin ich auf gleicher Höhe, aber jetzt hält Halgand dagegen. Kopf an Kopf. Ich geb alles, was geht. Will gewinnen. Im richtigen Moment setze ich zum "Tigersprung" an und werfe das Vorderrad nach vorne. Ich denke im ersten Moment: Yes, das passt oder doch nicht!?  Halgand ist sich der Sache sicherer als ich. Er schlägt mit der Hand auf den Lenker, ärgert sich und gratuliert mir sogar schon. Der Sprecher sagt: "C'est Fröhlinger!!!" Was für ein Tag. Ein Sieg im ersten Profijahr. Traumhaft. Das ganze Personal und Team freut sich. Ich ziehe mich um und gehe zur Siegerehrung. Nach zehn Minuten heißt es auf einmal: Sieger im Foto-Finish doch Halgand. Gemeinsam mit unserem sportlichen Leiter Christian Wegmann geh ich zur Jury. Wir wollen den Zielfilm sehen. Aber statt Zielfilm zeigen sie uns ein winziges Foto-Negativ. Mit einer Lupe ist jedoch klar zu erkennen: Halgand ist einen Zentimeter vor mir. Aber auf dem komischen Foto sieht man keine Ziellinie. Nichts. Nur zwei Fahrer auf leerem Hintergrund. Christian will sehen, wo die Kamera überhaupt steht. Ist sie überhaupt genau auf der Linie oder ist der Winkel möglicherweise verzerrt? Die Kamera ist schon abgebaut. Ich will kein schlechter Verlierer sein und bin ja selbst nicht sicher, wer vorne war. Aber dieses Foto fand ich mehr als zweifelhaft...
Klar, ein tolles Rennen gefahren. Der Sieger heißt aber nunmal nicht Fröhlinger, sondern Halgand.

Gruß Johannes